Kärntner Landesausstellung, Heft in Hüttenberg, 1993–1995

(c) Gerhard Maurer

Für die Landesausstellung zum Thema Bergbau plante und baute Günther Domenig ein Ausstellungsgebäude in Reaktion auf eine unter Denkmalschutz stehendes Werk. 

Zentrales Gestaltungselement sind übereinander gestapelte Gänge, die sich an den unterirdischen Stollenanlagen des Erzbergbaus in Knappenberg orientieren, ergänzt um Funktionsräume wie ein Auditorium und ein Café. Schwierige politische Bedingungen und Proteste begleiteten den Bau des Gebäudes, führten fast zum Abbruch der Arbeiten und bewirkten eine Verkleinerung des Projekts. Das historische Gebäude wird selbst zum umbauten Ausstellungsobjekt. Stahlträger ragen weit über den Bestand hinaus und durchdringen ihn zugleich. Ohne sich mit seiner architektonischen Antwort anzubiedern, setzt Domenig den Neubau auf Distanz zum alten Gemäuer und sucht eine klare und eigenständige zeitgenössische Handschrift. Das Projekt in der Heft legt den Grundstein für eine seiner wichtigsten Arbeiten: den Eingriff in das ehemalige NSDAP ­Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Die räumlich ­architektonischen Qualitäten und die Bedeutung der Leere oder des Nichts sind zentrale Themen. Das Gebäude ist seit über zehn Jahren verlassen, darüber hinaus legen die Negativ­Volumen der leeren Hochöfen, die Gemäuer der ehemaligen Eisenerzanlage und die Typologie von Domenigs brückenartigem Zubau diese Debatte nahe.

Charakteristisch für die Heft ist auch der Gegensatz der beiden vorgefundenen Gestaltungsformen: Das historische Eisenwerk ist massiv, aus dicken Ziegelmauern errichtet. Die Gestaltung leitet sich aus den topografischen Gegebenheiten und den funktionalen Anforderungen für den industriellen Abbau von Eisenerz und dessen Verarbeitung ab. Domenigs Erweiterung ist hingegen ein leichtes Stahlfachwerk, durchsichtig und luftig. Seine Gestalt ist weniger der Funktion als der architektonischen Idee geschuldet. Folgt man dieser Bewegung weg von der funktionalen schweren Materie hin zu gestalterisch begründeter Leichtigkeit stellt sich die Frage nach der dritten – zukünftigen – architektonischen Schicht: Immateriell, virtuell und digital?

Durch den jahrelangen Leerstand ist eine einzigartige Situation von skulptural­ architektonischen Überschneidungen, verschärft durch die fortschreitenden Überwucheruneng entstanden. Diese leicht dystopisch anmutende und definitiv postanthropozentrische Atmosphäre der Anlage hat eine eindrückliche räumliche und ästhetische Qualität, die es zu wahren gilt.

Die Gemeinde Hüttenberg besaß ursprünglich die zweitgrößte Anlage für die Eisenverhüttung in Österreich. Seit 1978 leidet sie unter der Schließung des Bergwerks und der Hochöfen und der damit verbundenen Industrie. Neben der historischen Nutzung und den sozialen Aspekten soll auch die politische Geschichte des Ortes beleuchtet werden, und hier vor allem die Opposition, in die Günther Domenigs sich gegenüber den lokalen Politker:innen im Zuge der Bauten für die Landesausstellung begab. Die Bauten in der Heft sind Sinnbild für eine heute ungenutzte Architektur aus den 1980er und 90er Jahren, von denen es in Kärnten mehrere gibt. An ihrem Beispiel kann nachgedacht und verhandelt werden, welche Möglichkeiten es für verlassene Bauwerke gibt, deren vollständige Renovierung unfinanzierbar scheint.

© Foto: Gerhard Maurer

Objekte

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Mein Projekt ist eine kulturell-wissenschaftliche Sache, die sich mit Rogners populistischer Geschichte nicht verbinden läßt. Im Übrigen lasse ich meine Stollen nicht herumschmeißen wie Pommes frites.”
—Günther Domenig
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Aber auch das beinhaltet die aus archaischem Bestand, Landesausstellung mit Thema und neuer Architektur bestehender Dreieinigkeit.“ (…) Es schwebt alles, nichts berührt die Mauern, es gibt Wege durch die Ruinen, die erhalten bleiben.”
—Günther Domenig zur HEFT
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—Günther Domenig zu den politischen Querelen um die Landesausstellung in Hüttenberg
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Ich wollte Beziehung bekommen zum Ort mit seinen gestorbenen Ereignissen.”
—Günther Domenig zur HEFT
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